Der Berner SennenhundNase, Füße, Schwanz: wo der Berner aufhört, soll er weiß sein.
Groß, aber zivil
Filmstar, Gast in Grandhotels und ein Sprinter, wenn Frauchen es will: Der Berner Sennenhund ist ein modernes Multitalent. Vor hundert Jahren entstand seine liebenswerte Schweizer Rasse.
Steckbrief: Berner SennenhundGeschichte
Entstanden ist der Berner Sennenhund aus Schweizer Bauernhunden in der Nähe von Bern, speziell aus dem Dürrbächler, nach dem Weiler Dürrbach, wo der Gastwirt besonders markante Hunde züchtete. Das erste Mal 1902 auf der Schweizer Hundeschau in Ostermundigen gezeigt, wird der Dürrbächler 1904 ins Schweizerische Hundestammbuch eingetragen. 1907 veröffentlicht der Züricher Geologe und Hobby-Kynologe Albert Heim eine erste Rassebeschreibung. Im selben Jahr wird der Dürrbach-Klub gegründet, der 1912 in Berner Sennenhund Klub umbenannt wird. Den heute gültigen Rassestandard gibt es seit 1993.
Klassifikation nach FCI
Gruppe 2 Pinscher und Schnauzer, Molossoide, Schweizer Sennenhunde u.a., Sektion 3 Schweizer Sennenhunde. Ohne Arbeitsprüfung
Verwendung
Familien- und vielseitiger Arbeitshund
Größe
Schulterhöhe 58 bis 66 cm, Rüden 64 bis 70 cm
Gewicht
35 bis 40 Kilo, Rüden 45 bis 50 Kilo
Fell
lang und glänzend, schlicht oder leicht gewellt
Fellpflege
jeden zweiten Tag durchbürsten, während des Haarwechsels durchstriegeln
Farbe
dreifarbig: Tiefschwarz mit sattem Braunrot und Weiß
Preis
etwa 1000 Euro
Kosten
60 bis 90 Euro für Futter im Monat, Impfung etwa 50 Euro, Trimmen zwei- bis dreimal im Jahr insgesamt etwa 300 Euro
Haltungskosten
70 Euro pro Monat, dazu evtl. Tierarztkosten
Voraussetzung für die Haltung
Zugang zum Garten, keine Zwingerhaltung
Anfälligkeiten
Hüftgelenksdysplasie (HD) und Ellbogendysplasie (ED), Krebs (Histiozytose und Lymphosarkom), Nierenversagen, Rollauge, Magendrehung
Lebenserwartung
7 bis 9 Jahre
Organisation
DCBS: Deutscher Club für Berner Sennenhunde, Geschäftsstelle: Inge Wirkner-Erb, Tel. 0 61 58-8 68 63,
dcbsgeschaeftsst@aol.com,
www.dcbs.deSSV: Schweizer Sennenhund-Verein für Deutschland, Tel. 09 11-7 67 08 01,
buerner@ssv-ev.de,
www.ssv-ev.deDie Berner Sennenkönige
Karlson der "Gigolo"
Karlson ist verlegen. Er stellt sich auf die Hinterbeine, legt die Vorderfüße auf die Schultern von Frauchen und guckt ihr in die Augen. Dann schaut er hinüber zum Gast. "Alles in Ordnung, Karlson", sagt Frauchen. Karlson streckt dem Besucher die linke Pfote entgegen, schwingt sich auf den Boden zurück und nähert sich ihm vorsichtig.
Karlson ist ein stattlicher Berner Sennenhund, "Typ Gigolo" sagt Matthias Sdrenka. "Ein Pfau, der die Rute immer sehr hoch trägt", bestätigt seine Frau Tanja. "Wenn beim Spazierengehen ein anderer Rüde auf Krawall gebürstet ist und das ernst nimmt, könnte es schwierig werden." Aber sie hat ihren Berner im Griff. Ein klares "Lass es!" reicht aus, und er "beschwichtigt", wie es in der Trainersprache heißt. Er wendet den Kopf schräg ab, läuft einen Bogen und gähnt. Soll heißen: Kapiert. Kein Streit. "Früher", erzählt Matthias Sdrenka, der mit Jagdhunden aufgewachsen ist, "wurden dem Hund die Befehle auf Abruf eingebläut. Heute achtet man auf seine Individualität, nutzt seine Körpersprache. Und so gleicht das Pfotegeben bei dem bärenhaften Hund weniger einem Dressurkunststück als einem kameradschaftlichen Handschlag unter richtigen Kerlen. Karlson hat es eine Filmrolle eingetragen. Er spielt den vierbeinigen Kompagnon von Büffel in der Heimatschnulze "Die Zürcher Verlobung", einer Neuauflage des Erfolgsfilms mit Liselotte Pulver von 1957.
Aus heiterem Himmel erreicht Tanja Sdrenka in den Märzferien 2007 der Anruf aus dem Studio Hamburg: Berner gesucht, dringend. Beim Casting nähert sich Produzent Markus Trebitsch Karlson vorsichtig. Der streckt ihm die Pfote entgegen - Hi, Kamerad. Die Rolle ist seine. Einen Nachmittag probt Tanja Sdrenka mit ihm BH-Apportieren, zwei Tage auf Befehl bellen, nach rechts gucken, nach links schauen, auf einer Markierung im Filmset "Sitz" machen, dann hat er seinen Part gelernt. "Der ist echt schlau." Folgt: die große Langeweile. Vier Tage à 200 Euro im Studio, stures Warten, penetrantes Wiederholen von Szenen. Aber Karlson erträgt es mit Eselsgeduld. Ein guter Berner lässt sich nicht verdrießen.
"Berner sind keine Stubentiger"
Der zweijährige Rüde Karlson, die fünfjährige Hündin Emma und Betty-Bee, das acht Monate alte Nesthäkchen, leben in einer 1969 gebauten Villa, die Tanja und Matthias Sdrenka für ihre Zwecke modernisiert haben. Die Villa liegt in Blankenese-Nienstedten, einem der eleganten Hamburger Elbvororte. Hier sind die Häuser geräumig, die Gärten groß, von mächtigen Rhododendren und alten Bäumen bewachsen: viel Platz für Hunde. Drei Rassen dominieren: rotfellige Labradore, Jack-Russell-Terrier und anstelle der noch vor kurzem populären Rhodesian Ridgebacks viele ungarische Vizslas. Die eher bäuerlichen, handfesten Berner Sennenhunde sind hier selten. Seit 1911 auch in Deutschland gezüchtet, gehören sie nicht zu den Modehunden. Pro Jahr werden circa 1200 Welpen geboren. In Hundestatistiken ist das ein eher durchschnittlicher Wert.
Tanja und Matthias Sdrenka haben im Erdgeschoss ihres Hauses Wände weggenommen, Räume zusammengeschlossen oder mit offenen Durchgängen versehen, Fußböden mit breitem Eichenparkett belegt und die Einrichtung auf Wesentliches beschränkt: Tisch, Stühle, Anrichte, Sofa, kein Firlefanz - dafür viel Platz für die drei Berner. Die Terrasse ist mit Bangkirai, einem Tropenholz, belegt, direkt davor wurde ein Schwimmteich, 1,80 Meter tief, für Karlson, Emma und Betty-Bee ausgehoben: Tanja und Matthias Sdrenka haben ihr Leben mit den Vierbeinern bis ins Detail durchdacht und organisiert.
"Wir wollten immer mit Hunden leben, haben aber lange gewartet", erzählt die 42-jährige Tanja Sdrenka. "Erst sollten die Kinder aus dem Gröbsten raus sein und die ersten Schuljahre problemlos bestehen." In der Wartezeit sind die Sdrenkas auf Hundeausstellungen unterwegs. Es soll ein größerer Hund sein und kein "trockener", wie Tanja Sdrenka sagt, der nur aus Muskeln und Haut besteht, sondern ein sogenannter "schwammiger Hund", ein Hovawart, Briard oder sogar Landseer - "aber das wäre bei einer Schulterhöhe bis 80 Zentimeter eine Nummer mehr gewesen. Mit einem Berner kann man immer noch essen gehen", sagt Matthias Sdrenka. Die Gesellschaftstauglichkeit, die Ruhe in den Wettkampfringen und die Gelassenheit, die diese Hunde ausstrahlen, sind ausschlaggebend für die Wahl des Ehepaars. "Jeder Berner hat sich uns sofort auf den Fuß gesetzt und angelehnt. Sie wollen einfach nur gefallen. So sind sie alle. Nett."
Trotzdem darf man sich nicht zurücklehnen. "Berner sind keine Stubentiger, die wollen mit einem arbeiten." Als 2003 Emma, Tanja Sdrenkas erster Berner, mit neun Wochen zu ihr kommt, geht sie sofort mit ihr in die Welpenschule. "Wir sind da immer sehr ehrgeizig." Acht Wochen lang, jeweils 90 Minuten Theorie und 90 Minuten Praxis. Sie kann es in den Bescheinigungen über die Welpenspieltage nachlesen, "bei uns wird alles katalogisiert und abgelegt".
Nach der Welpenschule kommt die Jugendausbildung. Sie macht mit Emma, später genauso mit Karlson, ein "Dummy-Training" mit. Dabei apportieren die Hunde einen Futtersack mit Reißverschluss, ähnlich einem Federmäppchen, und lernen sich unterzuordnen. Auch auf fünftägige Fährtentrainings-Seminare des Schweizer Sennenhund-Vereins fährt sie, drei Mal bereits, nach Sören in Schleswig-Holstein, Dörscheid am Rhein, ins Auetal bei Hannover. "Das ist immer nett, lauter Berner-Leute, ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl." Die Fährten tritt man selbst, legt je nach Ausbildungsstand des Hundes alle drei oder alle dreißig Stapfen Leckerlis in die Fußstapfen, mal links, mal rechts. Sogar bei dem Schweizer Hundetrainer Hans Schlegel war sie mit Emma und Karlson auf einem Zwei-Tage-Kurs zum Thema Körpersprache und Kommunikation.
Hans Schlegel ist berühmt in der Szene, er bildet K9-Rettungs- und Minensuchhunde aus und hat für die Entwicklung seiner speziellen Trainingsmethode 18 Monate mit Wölfen im kanadischen Wolfsrevier Preelake gelebt. Ergebnis der intensiven Beschäftigung: "Wenn ich dabei bin, würde Karlson nicht einmal für eine läufige Hündin die Nase heben." Die Hierarchie im Menschen-Hunde-Rudel ist deutlich abgesteckt.
Emma die Showhündin
Emma, eine geborene Barianna vom Rönnbaum, ist nicht nur in den Augen ihres Frauchens der schönste Hund der Welt. Sie gefällt auch der Hundetrainerin Gaby Abels aus Hamburg-Schenefeld, bei der sie lernt. Emma ist schlank, der eher sportliche Typ des Berner Sennenhundes. "Vielleicht finden die anderen meinen Hund ja doof", denkt Tanja Sdrenka, aber weil sie so häufig auf Hundeausstellungen zu Gast war, will sie es auch einmal selbst probieren. In den Berliner Messehallen ist am 28. März 2004 Hundeshow. Die acht Monate alte Emma wird als einzige in der Jüngstenklasse gemeldet, Tanja Sdrenka übt mit ihr an der linken Seite und an lockerer Leine traben sowie "Steh" und bekommt ein wohlwollendes "Vielversprechend". Zwei Monate später, auf der Europasieger- Schau in Dortmund, gibt es in der Jugendklasse ein "Sehr gut" und den ersten Pokal. Damit "waren wir angepikst", erzählt ihr Mann. Die Ausstellungsbesuche werden zum Familienvergnügen und Reiseanlass.
Für die erste Ausstellungsteilnahme in den Berliner Messehallen hatten sich Tanja und Matthias Sdrenka im legendären "Adlon" auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden am Brandenburger Tor eingemietet. "Wer weiß, vielleicht ist das erste auch gleich das einzige Mal, dachten wir und wollten es uns richtig schön machen", erzählt Tanja Sdrenka. Die "fluffig frisch" gewaschene Emma wird königlich empfangen. Ein Hundekörbchen steht im Zimmer bereit, ein Napf mit prickelndem Wasser und, auf einem weißen Laken präsentiert, ein Kauknochen, "auf die Größe des Hundes abgestimmt", wie die Dame von der Rezeption sagt. Das "Adlon" ist auf Gäste mit Hunden eingerichtet, lässt sich das aber auch gut bezahlen. 30 Euro mussten die Sdrenkas zusätzlich berappen. Heute kostet es 50 Euro pro Hund und Tag extra.
Zuchtpläne
Die auf den Ausstellungen gewonnenen Preise lassen den Wunsch wachsen, selbst zu züchten. Den richtigen Rüden hat Tanja Sdrenka auf einer Ausstellung in Neumünster gesehen. Er stammt aus dem Zwinger Berner vom Rönnbaum. Sie bestellt sich einen Welpenrüden vor, den kräftigsten aus einem der nächsten Würfe. Tanja Sdrenkas Traum: "Er soll dem Urbild eines Schweizer Hofhundes gleichen, der eingespannt den Milchkarren zieht." Karlson wiegt bei der Geburt 860 Gramm, normal sind 500. Der Schädel ist so mächtig, dass der Welpe mit einem Kaiserschnitt zur Welt kommt.
Trotzdem ist er nicht zu einem Riesenvieh ausgewachsen - zwar stattlich, aber mit 65 Zentimetern nicht ungewöhnlich groß - und wäre für die sportliche Emma die richtige Ergänzung. Doch bevor er Deckrüde werden kann, wird Tanja Sdrenka ihn ein zweites Mal röntgen lassen. Sie will sicher sein, dass die leichte HD, die bei den Berner Sennenhunden durch gezielte Zucht glücklicherweise nur noch selten vorkommende Hüftgelenksdysplasie, sich wirklich ausgewachsen hat.
Tanja Sdrenka hat Ziele: Als nächstes soll ein Hundehaus gebaut werden, als Spielhaus für die Welpen und Unterschlupf für die Hunde bei schlechtem Wetter. Sie wird alle Ausstellungen besuchen, die in der Nähe von Hamburg stattfinden, in Berlin, Hannover, Hamburg-Rahlstedt und Neumünster, wo es besonders schön ist. Und sie wird weiter züchten, im Rahmen des Rassestandards und mit Hinblick auf eine Verbesserung der Gesundheit der Berner Sennenhunde, "zu viele erkranken noch an Tumoren". Mehr als drei Hunde wird sie sich dafür nicht zulegen. "Es ist ein Hobby und soll Spaß machen. Wenn ich die Kontrolle behalten will, ist für mich als obersten Chef bei dreien Schluss."
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